Statt eines Kommentars beim Kleriker

Liebe Leser,

nicht wundern, der folgende Text sollte eigentlich auf einer anderen Website als weiterer Kommentar in einer laufenden Diskussion zum Thema “Kinokultur” erscheinen. Da sich diese Website aber weigert, meine Kommentare so zu veröffentlichen, wie ich sie ins Kommentarfeld eingegeben habe (und ich das mehrmals erfolglos probiert habe), erscheint er jetzt hier. Es geht bei folgendem Kommentar um den Film “Ich spuck auf dein Grab” und die Motivation, sich solch einen Film anzusehen.

Wer also die Vorgeschiche der Diskussion verfolgen möchte, müsste zuerst diesen Blogeintrag lesen.


Ich denke, wenn man sich mit dem Kino ernsthaft beschäftigt, kommt man nicht daran vorbei, sich auch Filme wie “I spit on your grave” anzuschauen. Es ist meiner Ansicht nach sogar zwingend notwendig, um ein Bild über die Kinokultur an sich zu erhalten.

Ist nicht Dein Ernst, oder? D.h., man muss sich im Prinzip jeden Scheiß ansehen, nur damit man mitreden darf, weil man sich ja sonst nicht “ernsthaft” mit dem Kino beschäftigt?

Muss ich mir jetzt also irgendwelche Neonazi-Propaganda-Filmchen angucken, damit ich einen vollständigen Eindruck von “Kinokultur” habe? Jeden Mist ansehen, der jemals das Licht einer Leinwand erblickt hat? Wo hört das auf? Bei Kinderpornographie?

Dann will ich in dem Fall nicht mitreden. Warum? Ich zitiere mal jemanden, der den Film gesehen hat:

Die Frau wird erniedrigt, beschimpft und geprügelt. Höhepunkt der Perversion ist, dass die Frau solch schwere Verletzungen am Unterleib erdulden musste, dass sie einem der Vergewaltiger anbietet ihn mit der Hand zu befriedigen. [aus einem Review auf OFDb.de]

Muss ich mir nicht angucken. Und so etwas auch noch mit seinem Geld (für den Kinobesuch, den DVD-Verleih bzw. -Kauf) zu fördern, kommt für mich nicht in Frage. Sowas kann man sich ggf. im Rahmen eines Filmseminars oder aus wissenschaftlichem Interesse angucken, aber sonst? Ihr sagt ja auch selbst, dass es ein Exploitation-Film ist. Als solcher ist er nach einer gängigen Definition auf schnelle Geldmacherei, nicht auf künstlerische Qualität angelegt:

Films made with little or no attention to quality or artistic merit but with an eye to a quick profit. [Quelle]

Und sowas muss ich dann nicht mit meinem Geld fördern. Nicht, weil ich solche Bilder nicht vertrage, sondern weil mir die künstlerische Fallhöhe fehlt, die das Ganze vielleicht sehenswert machen könnte. Mal ein Beispiel: ich habe mir “Irreversibel” angesehen, weil ich dem zumindest zubillige, eine künstlerisch ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt zu betreiben. Bei “I spit on Your Grave” scheint mir das zu fehlen (zugegeben: soweit das jemand beurteilen kann, der den Film nicht gesehen, sondern nur diverse Kritiken darüber gelesen hat).

Abgesehen davon, dass wir hier über einen Film reden, der nicht “ab 18” eingestuft oder aus Jugendschutzgründen indiziert wurde, sondern wegen Gewaltverherrlichung nach §131 StGB beschlagnahmt ist. Wer den also in Deutschland aufführt oder sonstwie bewirbt, macht sich strafbar. Eignet sich sowas für ein allgemein zugängiges Filmrätselspielchen im Internet? Will der Kleriker den Film so anpreisen, wie Du es mit “Spiel mit das Lied vom Tod” oder ich mit “Apocalypse Now” getan haben?

Mich hat vor allem interessiert, warum man sich solch einen Film ansehen möchte bzw. angesehen hat. Um zu erzählen, dass man so was gesehen hat? Um zu zeigen, was man sich alles angucken kann, ohne vor Abscheu aus dem Zimmer zu rennen? Aus Vergnügen? Wie fühlt man sich, wenn man so etwas sehen musste? Das hätte mich interessiert.

Bei mir hast Du übrigens “Spiel mir das Lied vom Tod” verpaßt.

Das kommt zu allem Übel noch dazu. Und die Auseinandersetzung zu “Saw” führen wir ein anderes mal, da gehe ich größtenteils mit Dir d’accord.

17 Gedanken zu „Statt eines Kommentars beim Kleriker“

  1. Soso… Also erstmal verstehe ich nicht, was Du mit den Kommentaren meinst. Bis auf dass ich die hin und wieder moderieren muss (bin ja nicht 24/7 am PC), passt doch alles. Bei Dir klingt es fast so, als würden wir hier von Zensur reden. ;-)

    Zum Film und Rätsel – ich habe ihn gewählt, weil diese Art Film sehr selten beim Rätsel ist und man ihn gerade deshalb nicht so schnell errät. Und Dein Vergleich mit den Propaganda-Filmen hinkt IMHO etwas, da ich ja nicht sage, dass man sich jeden Dreck anschauen muss, um einem Eindruck der Kultur zu gewinnen, sondern sich vielleicht mal damit beschäftigt zu haben (und da ist DAY… nun ebenmal – mehr oder weniger – ein Klassiker). Zudem ist das Exploitationkino ein ganz großes Segment in der Kinogeschichte, nur wird es leider nur allzu oft unter den Tisch gekehrt, da es für die meisten ja eh nur Dreck ist (siehe die Diskussion). Und mich hier des Werbens zu beschuldigen finde ich übrigens sehr traurig, wir reden hier von einer Kunstform, die jedem Beteiligten Spaß machen soll, nicht von einer Werbeplatform… ;-)

  2. Das mit den Kommentaren meine ich so wie gesagt: die sehen in der Vorschau bei Dir leider anders aus als in der Form, wie sie dann auf Deiner Website erscheinen – und ich hatte damit ja schon Probleme, da ein Kommentar von mir dadurch auch inhaltlich verändert wurde. Bei obigem, langen und ursprünglich als Kommentar auf Deiner Website gedachten Beitrag fehlten z.B. schon in der Vorschau auf Deiner Website einfach ein paar Zeilen, daher habe ich den lieber hier veröffentlicht.

    Von Zensur war also nie die Rede, es ist eher ein technisches Problem (wäre ja auch noch lustiger, wenn jemand, der einen “zensierten” Film als Rätsel anbietet, selbst zensiert). Und davon betroffen bin ich mit meiner Vorschau hier vermutlich auch, denn allzu lange Kommentare kürzt die Vorschau gnadenlos ab.

    Ansonsten:
    Das Zitat mit den kulturellen Gründen, einen solchen Film angucken zu müssen, stammt nicht von Dir, sondern vom Verschwender. Du hattest zur Begründung nur gesagt, man müsse halt auch “offen” für solche Filme sein (und Dich abfällig über “Mainstreamkritiker” geäußert – wobei die ja, im Gegensatz zu mir, den Film immerhin gesehen haben. Macht sie nicht schon das zu Nicht-Mainstream-Kritikern?). Aber natürlich kannst Du Dich gerne der These vom Verschwender anschließen – und wie er das Ansehen solcher Filme zum Pflichtprogramm für jeden Cineasten machen, ohne das man nicht mitreden dürfe.

    Mir geht es auch nicht um das ganze Exploitation-Genre und seine Untergruppen (wobei ich den Ausdruck “Rape and Revenge” glücklicherweise bisher nicht kannte – und nebenbei Zweifel anmelde, ob drei Filme zu Bildung eines Genres ausreichen). Wir sprechen hier also nicht von Exploitation-Filmen, wir sprechen von einem Film und meinen Fragen dazu, warum man sich den anschaut und was man dabei empfindet.

    Und bitte genau hingucken: ich habe den Film nie als Dreck bezeichnet. Jeder soll im Rahmen der gesellschaftlichen Spielregeln* das gucken, was ihm Spaß macht. Mir bereitet ein solcher Film vermutlich kein Vergnügen, daher meine Nachfragen. Und damit auch da keine Mißverständnisse aufkommen: ich kann mir einen Film durchaus auch dann ansehen, wenn ich schon vorher weiß, dass er definitiv keinen Spaß machen wird. Er muss halt nur sonstwie interessant sein. Und ich will rausfinden, was Euch an solchen Filmen reizt.

    Letzter Punkt. Ich habe Dich nicht der (in Deutschland verbotenen) Werbung eines wegen §131 StGB beschlagnahmten Films beschuldigt, ich habe eine Frage dazu gestellt, die Du ja gerne beantworten kannst. Wobei ich dann an dieser Stelle schon darauf aufmerksam machen möchte, dass das Online-Stellen von Screenshots aus einem solchen Film vermutlich nicht ganz ohne ist. Ich werde aus ähnlichen Gründen z.B. auch keine Screenshots aus Pornos online stellen. Und schon mit Screenshots aus FSK 18-Filmen begeben wir uns – je nach dargestellter Szene – vermutlich auf dünnes Eis. Ganz abgesehen von der elendigen Rechte-Frage.

    *die ich z.B. bei Snuff-Filmen, Kinderpornographie o.ä. ziehe. Ein Werk, bei dessen Erstellung niemand zu Schaden kam, sollte auch für jeden Erwachsenen frei erhätlich sein. Ich spreche daher einem Film wie “Ich spuck auf dein Grab” auch nicht das Existenzrecht ab. Meiner Meinung nach sollte jeder selbst entscheiden dürfen, was er sich als Erwachsener zumuten kann.

  3. Sag mal Probek, was möchtest Du eigentlich bezwecken? Was hast Du eigentlich gegen mein Statement? Sollte mein Kommentar so mißverständlich gewesen sein? Nochmals, wenn ich mich mit der Kinokultur als solches beschäftige, wenn ich wissen möchte, welche Stilrichtungen es hervorgebracht, welche Kuriositäten, welche Mittel es benutzt hat um die Menschen ins Kino zu locken, wenn ich mir mein eigenes Bild von diesen Mitteln machen möchte, komme ich nicht darum herum mir auch etwas anzuschauen, was mir nicht gefällt. Ich kann mich dabei nicht nur auf Rezessionen unbekannter Menschen im Internet verlassen, die Rezessionen aber wohl nutzen um mein eigenes Bild vom Gesehenen zu relativieren oder auch zu stützen. Ich weiß nicht warum Du dies nicht als Antwort auf Deine Frage stehen lassen möchtest? Paßt sie Dir etwa nicht, oder hast Du da wirklich etwas mißverstanden. Alleine die Sichtung des Filmes oder seine Erwähnung beim FRS ist für Dich anscheinend aufgrund einer Rezession auf der OFDB und der Beschlagnahmung die sich auf § 131 StGB stützt verwerflich. Na, dann scheinst Du wohl zu den Menschen zu gehören, die lieber auf andere hören, als sich selbst ein Bild zu machen. Das ist o.k., urteile aber doch bitte nicht über Menschen, die sich lieber ein eigenes Bild machen. Ich halte im übrigen 90% des Exploitation Kinos für großen Schrott und Mist, wahrscheinlich fällt auch I spit on Your Grave darunter. Ich habe ihn aber noch nicht gesehen und kann mir deshalb auch kein genaues Urteil erlauben und schon gar nicht über die Menschen, die ihn gesehen haben. Ich weiß ja nicht ob er ihnen gefallen hat oder warum sie ihn überhaupt gesehen haben. Und selbst wenn er ihnen gefallen hat, weiß ich immer noch nicht warum. Du unterstellst Menschen die einen Film schauen, daß sie sich mit dem Inhalt identifizieren. Eine sehr undifferenzierte Sicht der Dinge, wie ich meine. Ich kann auch nicht verstehen, warum Du so weit unter der Gürtellinie operierst, indem Du Kinderpornografie und Nazi-Propaganda in die Diskussion bringst. Zumindest ersteres hat mit dem Thema Kinokultur nichts zu tun. Oder laufen Kinderpornos in Deiner Stadt im Multiplex? Auch Dein Kommentar bei grammaton, ich zitiere:

    “Gut, dass wir darüber geredet haben. Wobei wir über die Begriffe diese, immer und gleich noch streiten könnten. Wenn Du schon zur Ehrenrettung eines Films wie “I Spit on Your Grave” antrittst: Du bist dann sicherlich auch einer dieser Perversen Allesseher, die “Gesichter des Todes” unterhaltsam fanden.”

    , ist alles andere als gelungen, zeugt von einer gewissen Voreingenommenheit, tendenzieller Arroganz und kann zumindest als Beleidigung aufgenommen werden. Ich glaube nicht, daß solch ein Kommentar, der guten Atmosphäre, die bisher beim FRS herrschte, dienlich ist. Da hilft auch kein späteres Relativieren des Geschriebenen. Im übrigen hat grammaton an keiner Stelle während seines FRS den Film in irgendeiner Weise gelobt noch seine Ehre retten wollen. Nur weil er ihn als Klassiker des Genres bezeichnet, was auch schließlich zur Lösung des Rätsels führte, heißt das noch lange nicht, daß er auf Vergewaltigungen steht.

    Wir können gerne über Gewalt im Kino diskutieren, doch bitte ohne Voreingenommenheit. Die führt höchstens zu Unsachlichkeit und einer vergifteten Atmosphäre.

  4. Guten Morgen. Worüber reden wir hier? Nochmal: Mich interessiert die Motivation, sich einen Film anzusehen, über den andere sagen:

    Für mich ist der Film hinsichtlich der Frauenfeindlichkeit fast auf eine Stufe zu stellen mit so debilen Machwerken wie “Verflucht zum Töten” und “Bloodsucking Freaks”. Dieser Eindruck entsteht zum einen dadurch, dass die Vergewaltigung ultrahart inszeniert ist und extrem lang gezeigt wird. Die Frau wird erniedrigt, beschimpft und geprügelt. Höhepunkt der Perversion ist, dass die Frau solch schwere Verletzungen am Unterleib erdulden musste, dass sie einem der Vergewaltiger anbietet ihn mit der Hand zu befriedigen. Dagegen ist der Rachefeldzug der Frau vollkommen lächerlich inszeniert worden, z.B. wirken die Splatterszenen (wenn man sie so nennen möchte) wie gewollt aber nicht gekonnt. Obwohl die Frau am Ende ihre Rache bekommt, verstärkt sich durch die schludrige Inszenierung der Eindruck der Frauenfeindlichkeit noch.
    [Quelle]

    Dieser Rezensent ist mir unbekannt, das stimmt. Genau wie der hier:

    ”I spit on your Grave” ist dumm und pervers. In der ersten Stunde sieht man hauptsächlich Vergewaltigungen einer wehrlosen Frau. Dies mag ja ganz nett sein, denn diese Szenen sind wirklich sehr hart und abstossend dargestellt. Der Hass auf die Übeltäter steigt und steigt.
    […]
    Die einzig gute Revenge-Szene ist die im Badezimmer, alle die den Film gesehen, wissen was ich meine. Auch die Szene, in der sie den Idioten erhängt, ist nicht ohne und man bekommt beinahe das Gefühl, die Schlampe ist noch derber drauf als die Vergewaltiger. Natürlich ist eine Vergewaltigung sehr schlimm, doch der geistig behinderte Mitläufer hätte keine Todesstrafe verdient. Und jemanden mit einem abgeschnitten Pimmel im Badezimmer verbluten zu lassen wäre auch nicht gerecht.
    [Quelle]

    Genug der unbekannten Rezensenten, Roger Ebert ist nicht unbekannt und hat über den Film geschrieben:

    This is a film without a shred of artistic distinction. It lacks even simple craftsmanship. There is no possible motive for exhibiting it, other than the totally cynical hope that it might make money.
    […]
    It was not just a large crowd, it was a profoundly disturbing one. I do not often attribute motives to audience members, nor do I try to read their minds, but the people who were sitting around me on Monday morning made it easy for me to know what they were thinking. They talked out loud. And if they seriously believed the things they were saying, they were vicarious sex criminals.
    […]
    This movie is an expression of the most diseased and perverted darker human natures, Because it is made artlessly, It flaunts its motives: There is no reason to see this movie except to be entertained by the sight of sadism and suffering. As a critic, I have never condemned the use of violence in films if I felt the filmmakers had an artistic reason for employing it. “I Spit on Your Grave” does not. It is a geek show. I wonder if its exhibitors saw it before they decided to play it, and if they felt as unclean afterward as I did.
    [Quelle]

    So. Inzwischen habe ich also eine Menge über den Film gelesen, ihn aber nicht selbst gesehen. Dennoch finde ich es nach einer solchen Lektüre legitim zu fragen, warum man den sehen will. Und das frage ich Euch dann auch.

    Ich weiß ja nicht ob er ihnen gefallen hat oder warum sie ihn überhaupt gesehen haben. Und selbst wenn er ihnen gefallen hat, weiß ich immer noch nicht warum.

    Genau. Auch auf die Gefahr mich zu wiederholen: daher meine Fragen.

    Du unterstellst Menschen die einen Film schauen, daß sie sich mit dem Inhalt identifizieren.

    Nein.

    Ich frage, warum man sich so etwas ansieht oder ansehen mag. Dann kann ich genauer urteilen, vorher sind es halt Vermutungen, die ich aber durchaus auch ausspreche, um eine Reaktion zu bekommen. Und ich finde schon, dass man diese Diskussion führen kann (und führen muss) – auch mit drastischen Vergleichen und mit Unterstellungen und Fragen. Warum nicht? Schau an, wie Du “Saw” beschreibst:

    Hier wird der Voyerismus unter dem Deckmantel der Intellektualität versteckt.

    Na, wenn das keine Unterstellung ist.

    Ich kann auch nicht verstehen, warum Du so weit unter der Gürtellinie operierst, indem Du Kinderpornografie und Nazi-Propaganda in die Diskussion bringst.

    Das sind Beispiele, Verschwender. Die sollen deutlich machen, wo die Grenzen plötzlich allen Zuschauern klar sind. Und vergleichbar sind die durchaus, denn diese Filme sind in Deutschland in der Regel beschlagnahmt – genau wie “Ich spuck auf dein Grab”. Und noch eine Gemeinsamkeit:

    Zumindest ersteres hat mit dem Thema Kinokultur nichts zu tun. Oder laufen Kinderpornos in Deiner Stadt im Multiplex?

    Nein. “Ich spuck auf dein Grab” aber auch nicht.

    Zugegeben, das sind drastische Beispiele, aber zur Verdeutlichung des Prinzips gut geeignet. Und ebenfalls zugeben: Kinderpornographie ist noch härter, da bräuchten wir (hoffentlich) nicht diskutieren. Und ich mache durchaus Unterschiede in der Existenzberechtigung der Filme.

    Dennoch sehe ich mir Kinderpornographie, Nazi-Filme und – wenn das stimmt, was ich darüber gelesen habe – Werke wie “Ich spuck auf Dein Grab” nicht an, weil mein moralischer Kompass da schon vorher ausschlägt. Aber das ist mein moralischer Kompass – mich interessiert, wo andere da ihre Grenzen ziehen.

  5. Meiner liegt dann wohl einfach weiter (südlich?). Punkt. Und noch was – wie kannst Du über einen Film urteilen, ohne ihn selbst gesehen zu haben (da werden Erinnerungen an die Diskussion zu 300 wach, die bei Cinefacts so lebendig tobte…) :P

  6. Warum ich ihn nicht ansehen werde, habe ich mehrmals gesagt: u. a. ist mir das Geld zu schade.

    Und ja, ich lasse mich in manchen Fällen vom Urteil anderer beeindrucken. So beeindruckt es mich, wenn jemand in seinem Urteil über den Film schreibt:

    …sieht man hauptsächlich Vergewaltigungen einer wehrlosen Frau. Dies mag ja ganz nett sein
    […]
    man bekommt beinahe das Gefühl, die Schlampe ist noch derber drauf als die Vergewaltiger.

    Und natürlich erlaube ich mir eine Diskussion auch über Dinge, die ich nicht selbst erlebt bzw. gesehen habe. Anbei zwei Beispiele, um das zu erläutern (Achtung, drastisch!):

    Man muss nicht sterben, um über den Tod zu diskutieren. Ich muss auch keine Vergewaltigung ansehen oder gar mitgemacht haben, um darüber zu diskutieren.

    Bestreitest Du, dass in dem Film die oben erwähnten Szenen vorkommen? Nein? Dann können wir auch darüber diskutieren.

    Um mir ein besseres Urteil bilden zu können, habe ich aber nicht zuletzt auch Dich mehrmals gefragt, wie denn Dein Urteil ausfällt – oder was Du beim Ansehen des Films empfunden hast. Oder, was mich eigentlich am meisten interessierte: warum man so einen Film sehen möchte.

  7. Hallo Probek,

    Deiner Argumentation nach wäre es anscheinend auch moralisch verwerflich Spielbergs “München” anzuschauen, weil ihm vom Zentralrat der Juden in Deutschland und jüdischen Sprechern in den USA Anti-Semitismus vorgeworfen wird und auch dementsprechende Rezessionen im Internet zu finden sind. Ein kleines Beispiel zum Thema Gewaltverherrlichung und Beschlagnahmung aufgrund § 131 StGB. Das Böse ist ein Film, dessen Gewaltverherrlichung in einem Dialog zwischen den Brüdern Jodie und Mike begründet ist. Im Film nisten sich Ausserirdische im friedhöflichen Krematorium ein, entführen Menschen um sie als Sklaven auf ihrem Planeten zu verschiffen. Im Laufe der Handlung sagt Jodie zu Mike, er solle direkt auf die Ausserirdischen schießen, Warnschüsse bringen nichts. Ist es jetzt moralisch verwerflich sich diesen Film anzuschauen? Weil ein deutsches Gericht beschlossen hat, daß dieser Dialog gewaltverherrlichend ist?

    Du interessierst Dich dafür, wo die moralischen Grenzen der Zuschauer im Kino liegen? Dann drücke Dich doch auch so einfach aus, ohne den Zuschauern Perversion und moralische Verwerflichkeit im Vorfeld vorzuwerfen.

    Ich habe wirklich schon viele Filme in meinem Leben gesehen. Ich denke gerade der kontroverse Film war der interessantere im Kinogeschäft, der über den man noch 30, 40 Jahre nach seinem Erscheinen spricht. Ob es sich dabei um einen Deodato handelt, der offen zu gibt die Filmerei aus rein wirtschaftlichen Gründen betrieben zu haben, oder ein Gaspar Noe, der die gezeigte Gewalt in seinem Film mittels künstlerischer Freiheit und Intellektualität rechtfertigt. Warum kann Gewalt im künstlerischen Kontext akzeptiert werden, ist im ökonomischen Kontext jedoch verwerflich? Ist das nicht eine Art von Doppelmoral? Wollte Noe nicht selbst mit seinem Film provozieren, einen Skandal heraufbeschwören, indem er mit Homophobie und exzessiver Gewalt spielt? Wäre der Inhalt des Filmes ein anderer, wenn Pierre den Unschuldigen in einer nomalen Bar erschossen hätte, die Vergewaltigung Alex nur angedeutet worden wäre? Nein, er hätte wahrscheinlich genauso zum Nachdenken über Selbstjustiz angeregt. Ja es wäre vielleicht über Selbstjustiz gesprochen worden, anstatt über die Vergewaltigungsszene oder die Szene mit dem Feuerlöscher. Aber ob der Film eine ähnlich große wirtschaftliche Attraktivität hätte erzielen können, ich bezweifele es zumindest. Ob Noes erstes abendfüllendes Werk Menscheinfeind mit großem Werbedisplay in den Videotheken unseres Landes beworben worden wäre, ich möchte es anzweifeln. Die Sensation ist halt ein verkaufsförderndes Element im Filmgeschäft. Glaube bitte nicht, daß die Regisseure und Produzenten der Filme Deiner Lieblingsliste außschließlich aus künstlerischer Sicht produzierten. Die meisten werden sich um Ihr Auskommen wohl keine große Sorgen machen müssen. Was ist verwerflicher? Ein Film der Gewaltdarstellung offensichtlich nutzt um mittels eines Skandals die Menschen ins Kino zu locken, oder z.B. ein Film von Ridley Scott wie Black Hawk Down? Über die Undifferenziertheit, wie er die Geschehnisse in Somalia schildert brauchen wir uns hoffentlich nicht zu unterhalten. Das ist übrigens auch Unterhaltungskino. Schöne Bilder, Musik von Hans Zimmer, klassische Dramaturgie und zum Schluß das Happy End. Oscar prämiert. Fragst Du da auch nach der Moral des Zuschauers? Was die Beweggründe sind, sich so einen Film anzuschauen?

    Warum verlangst Du von Menschen die einen Exploitation Film von 1978 anschauen (warum auch immer), der Vergewaltingszenen enthält und wohl auch in einigen anderen Szenen exzessive Gewalt darstellt eine moralische Rechtfertigung?, schaust Dir aber selbst Gaspar Noes Irreversible an und glaubst allein die künstlerische Auseinandersetzung mit dem Thema Gewalt genüge als moralische Rechtfertigung sie auch drastisch darzustellen und sich dies dann auch anzuschauen.

    Um noch einmal auf Dein Statement zu meiner Meinung zur SAW Reihe zurückzukommen. Die Rolle des Jigsaw in diesen Filmen ist eindeutig intellektuell besetzt. Er rechtfertigt seine Morde mit der philosophischen Frage, ob die Opfer, allesamt fehlbare Menschen, ihr Leben verdient haben. Stellt sie vor die Frage, ich oder der andere, läßt sie büßen. Wenn dies kein Deckmantel für die dargestellten Folter und Todesszenen ist, dann weiß ich nicht.

  8. Ja, da waren Vorfreude und Erwartungen wohl doch ein klein wenig zu groß beziehungsweise hoch. DAY OF THE WOMAN aka I SPIT ON YOUR GRAVE ist ein guter Film, keine Frage. Zum Meisterwerk reicht es dann aber leider nicht ganz.
    (…)
    Zwar sagt man (auch ich), dass man manchmal nur schwer hinsehen kann, aber im Grunde wollen wir das ja sehen
    (…)
    Man muss damit ja immer vorsichtig sein, vor allem bei der Wortwahl, aber ja, ich hatte meinen “Spaß”.
    (…)
    Bewertung 7-8/10

    Aus der Kritik von Grammaton Cleric zu “Ich spuck auf dein Grab”, danke für den Link (Hervorhebungen von mir).

    @Verschwender:
    Auch wenn ich gerne bei der für mich eigentlich interessanten Frage bleiben möchte, warum man “Ich spuck auf dein Grab” sehen will, gehe ich mal auf Deine Argumente ein.

    Deiner Argumentation nach wäre es anscheinend auch moralisch verwerflich Spielbergs “München” anzuschauen, weil ihm vom Zentralrat der Juden in Deutschland und jüdischen Sprechern in den USA Anti-Semitismus vorgeworfen wird und auch dementsprechende Rezessionen im Internet zu finden sind.

    Nein. Mir geht es nicht darum, zu einem Film ein paar kritische Rezensionen zu finden und denen dann blind zu folgen. Mir geht es um die Frage, worum man einen Film mit offenbar menschenverachtenden Szenen und geringer künstlerischer Qualität sehen will, das trifft auf “München” meiner Meinung nach nicht zu. Ist “München” ein Exploitation-Film? Haben die Kritiker von “München” ein Verbot des Films gefordert? Ist “München” wegen § 131 StGB beschlagnahmt?

    Ansonsten können wir hier gerne eine Diskussion über Sinn und Unsinn der Beschlagnahmung eines Films wegen des § 131 bzw. über Zensur führen, das ist aber auch ein anderes Thema. Es gibt z.Zt. rund 250 Filme, die von diesem staatlichen Eingriff in die Kunstfreiheit betroffen sind, wenn Du da ein Beispiel nennst, kann ich ggf. auch ein Dutzend andere nennen, bei denen zumindest die Indizierung angesagt wäre. Und die klingen dann vermutlich nicht so lächerlich wie Dein Beispiel. Angefangen bei “Ich spuck auf dein Grab”!

    Ob dann ein Film wirklich beschlagnahmt werden muss, ist aber – wie gesagt – ein anderes Thema. Meine Einstellung dazu habe ich übrigens schon angedeutet.

    Ich habe den § 131 vor allem deswegen erwähnt, weil der Umgang mit solchen Filmen natürlich nicht ganz ohne ist. Eine Vorführung dieses Films ist in Deutschland verboten und es ist ein schlichter Fakt, dass ich mich mit einer Verlinkung auf eine Website, wo der Film käuflich zu erwerben ist, strafbar machen würde. Mit der Bemerkung möchte ich also eher darauf aufmerksam machen, dass der Film auch in der Bewertung eines deutschen Gerichts etwas besonderes ist. Aber vielleicht irrt ja nicht die deutsche Justiz, sondern auch einer der weltweit renommiertesten Kritiker (wenn nicht der renommierteste Kritiker) und diverse andere in der Beurteilung dieses Films. Die haben den Film aber, im Gegensatz zu mir, immerhin gesehen.

    Für die anderen Fässer, die Du sonst noch aufgemacht hast, fehlt mir jetzt eigentlich die Zeit (und die Lust). Eine Auseinandersetzung in längerer Fom und detaillierter vielleicht ein anderes Mal, das sind aber Themen, die im persönlichen Gespräch (bzw. im Chat? Oder bei einem Bier??) vermutlich besser, schneller und einvernehmlicher zu klären wären (was ja vielleicht auch für “Ich spuck auf dein Grab gilt”…).

    Nun denn: die Erwähnung von “Irreversibel” (den ich schlecht fand) sollte dazu dienen, einen Film zu nennen, der wohl ähnlich drastische Bilder zeigt, den ich aber immerhin gesehen habe und bei dem ich beschreiben wollte, warum ich mir den (zumindest in Teilen, soweit ich mich erinnere) angesehen habe. Hätte ich über “Irreversibel” das gelesen, was über “Ich spuck auf dein Grab” zu lesen ist, hätte mich der Film nicht interessiert.

    Bei “Black Hawk Down” müsste man mit der Kritik bei dem Bericht von Mark Bowden anfangen. Ich finde “Black Hawk Down” als Beschreibung dieses Zwischenfalls aus US-amerikanischer Sicht übrigens größtenteils gelungen, insofern müssten wir uns ggf. wohl leider doch unterhalten, tut mir leid. Aber nach der Moral der Zuschauer kann man sich immer fragen, warum nicht. Natürlich auch bei “Black Hawk Down”.

    Und bei “Saw” hast Du mich wohl schlicht falsch verstanden, oder? Lies doch noch mal nach.

  9. Hm, Deine Frage zur Motivation einen Film zu sehen über den angesehene und unbekannte Kritiker schreiben, daß er menschenverachtend ist, der gem. § 131 StGB beschlagnahmt ist etc. habe ich Dir eigentlich schon oft genug beantwortet. Aber anscheinend läßt Du die Antwort ja nicht gelten. Ich habe I spit on your grave nicht gesehen, da mich das Genre (Rape’n Revenge) nicht sonderlich interessiert. Das kann ich aber nur sagen, weil ich andere Filme des Genres gesehen habe. Die waren nicht weniger billig und fragwürdig. Auch meine Einstellung zu Rezessionen, egal ob von einem Pulitzer Preisträger oder einem 16 jährigen Spinner auf der OFDB, habe ich Dir nahe gebracht. Ich möchte auch nicht über den Sinn und Zweck von Beschlagnahmungen diskutieren, die haben in vielen Fällen auch ihren Sinn und haben dem Publikum bestimmt keine künstlerischen Kracher vorenthalten. Vielleicht wäre bei diesem Thema noch anzumerken, daß nicht der Film an sich verboten ist, sondern die jeweilige Fassung. Du kannst ohne Probleme auf Amazon Zombies unter Kannibalen (einen weiteren § 131er) in der FSK 16 Version bestellen. Möchte ich die deutsche uncut Version, wende ich mich an einen österreichischen Händler meines Vertrauens. Ich frage mich ob die Österreicher jetzt die schlechteren Menschen sind. Also immer locker bleiben.

    Mir geht es um Vorurteil und Doppelmoral. Aber auf diese Fragen möchtest Du anscheinend nicht eingehen. Du findest z.B. Black Hawk Down, der nicht nur meines Erachtens inhaltlich sehr fragwürdig ist, größtenteils gelungen. Einen Film, der jeden einzelnen Tod eines US Soldaten als nationale Tragödie darstellt, den von über 1000 Somalier jedoch nicht ansatzweise in Frage stellt, sondern als nötig darstellt. Ich frage mich wo da Dein moralischer Kompaß bleibt. Der Film war übrigens gerade in den USA höchst umstritten, also kann er die Geschehnisse gar nicht so gelungen aus amerikanischer Sicht beschrieben haben, eher gelungen aus der Sicht der US-Streitkräfte. Aber darum geht es gar nicht.

    Die Fässer hast übrigens Du aufgemacht, ich habe nur Gegenfragen gestellt um Deinen moralischen Kompaß auf Funktion zu prüfen.

    Um Dir eine Vorstellung zu geben, wann mein moralischer Kompaß auschlägt. Wenn irgendein Spinner die Steinigung einer jungen Frau mit seinem Handy filmt, Bild dieses Video im Netz findet und es auf ihrer Internetpräsenz, wenn auch nur Auszugsweise, zur Schau stellt. Aber dies hat zum Glück mit Kino bisher nicht wirklich etwas zu tun.

  10. Geez, ich bin eigentlich ganz locker! WIRKLICH!!! Auch wenn ich vorhin über 4.300 Zeichen geschrieben habe – und dann immer noch den Vorwurf kassiere, ich ginge auf mir vermeintlich unangenehme Fragen erst gar nicht ein. Das hole ich aber gerne und selbstverständlich nach (gut, dass du “anscheinend” geschrieben hast…), falls da etwas fehlen sollte oder unverständlich blieb.

    Ich habe übrigens in der Regel nichts gegen das Fassaufmachen: es dauert nur bei den diversen Themen (bzw. Filmen), die wir da miteinander vergleichen, ein wenig länger, es alles aufzudröseln (aber das hat man halt davon, wenn man nacheinander ins Internet reinschreibt und sich nicht unmittelbar austauschen kann).

    Vorurteile und Doppelmoral
    Natürlich lebe ich – so wie vermutlich viele andere auch – mit Vorurteilen. Zwei davon habe ich schon genannt: ich habe große, um nicht zu sagen, extreme Vorurteile. Gegenüber Kinderschändern und Nazis.

    Und ja, ich habe auch Vorurteile über Filme, die ich zwar nicht gesehen, über die ich aber viel gelesen habe (und inzwischen möchte ich sagen: lesen musste). Ich bekenne: ich habe z.B. seit dem ersten Kontakt mit “Gesichter des Todes” auch viele Vorurteile gegenüber diesem Film bzw. denjenigen, die einen solchen Film “genießen” oder gut finden (den Film habe ich, wer hätte das gedacht, natürlich auch nicht gesehen, weil ich ja aus o.g. Gründen dafür kein Geld ausgeben möchte, dennoch erlaube ich mir ein Urteil, muss ja zum Glück kein Verbotsverfahren einleiten). Meinem Vorurteil nach bedienen solche Filme offensichtlich simple, für mich nicht unbedingt feine Gelüste. Die sind purer Voyeurismus, könnte ich auch sagen.

    Und wenn ein Film wie “Gesichter des Todes” offensichtlich auf das hier ausgelegt ist, mache ich einen großen Bogen darum, auch wenn Du einen solchen Film ehrlicher finden kannst, als manch größere Produktion. Der will halt nix außer Schockieren und damit Geld machen. Ich kann aber auch an der Autobahn warten bis zwei Autos ineinanderkrachen, das ist billiger – und die Effekte sind noch viel realistischer. Toll oder ehrlich muss ich das trotzdem nicht finden.

    An dieser Stelle auch noch ein kurzer Ausflug in meine Rezeptionsgeschichte des Films: “Gesichter des Todes” haben damals manche meiner flüchtigsten Bekannten gesehen, um damit angeben zu können: seht her, was für ein tougher Kerl ich bin. So ging’s her, vor über zwanzig Jahren, als ich noch zur Schule ging. Den Film oder vielmehr den Antrieb, so etwas sehen zu wollen, fand ich damals schon ekelhaft. Und das finde ich heute auch noch. Soweit meine Vorurteile.

    Und damit mache ich übrigens gleich wieder ein Fass auf, da Du “Gesichter des Todes” ja ach so toll findest. Wie schreibst Du so schön: die “meisten Szenen sind gestellt” und der Film “beschäftigt sich mit dem Thema Tod meist mit der nötigen Distanz und Pietät”. “Meistens” reicht mir aber bei dem Thema nicht.

    Und natürlich stört mich auch, wenn Du meinst, ich müsse mir solchen Dreck auch noch ansehen, damit ich Dir mein Interesse an der Kinokultur beweise. Nein, muss ich nicht, ein Interesse an der Kinokultur ist dennoch vorhanden, glaube mir. Mir reicht hier die durchaus ernsthafte Beschäftigung mit der Sekundärliteratur und der Rezeptionsgeschichte. Ansonsten verweise ich auf das Todes- bzw. Vergewaltigungs-Beispiel, bei dem ich im einem Fall die allzu intensive Beschäftigung mit dem Thema nicht empfehlen kann, weil dann jegliche weitere Diskussion für Sterbliche sehr erschwert wird – und zumindest ich den zweiten Fall auch nicht erleben möchte, weder als Teilnehmer, noch als Zeuge.

    Nun zur Doppelmoral.
    Ja mei, die Doppelmoral. “Black Hawk Down” sei höchst umstritten? Im Sinne von “Ich spuck auf dein Grab”- oder “Gesichter des Todes”-höchst-umstritten? Wohl kaum und eher nicht. In der Wikipedia steht zu “Black Hawk Down”:

    In the interest of making the story easy to follow and keeping it at a reasonable length, the film is shot from the point of view of the American soldiers.

    Den Vorwurf, dass ein auf realen Geschehnissen bestehender Film bestimmte Teile einer Story weglässt – und im Zweifel immer die entscheidenden – macht man meiner bescheidenen Schätzung nach jedem zeithistorischen Film der letzten 100 Jahre. Ich empfehle an dieser Stelle eher, dem schon einmal genannten und sehr lesenswerten Link zur Reportage des, Achtung, US-Imperialistenamerikanischen Journalisten Mark Bowden zu folgen, der die Grundlage zu “Black Hawk Down” geliefert und sehr wohl auch etwas über die zivilen Opfer zu sagen hat.

    Nee, such Dir lieber einen Film von dieser Liste, da gibt’s ggf. bestimmt bessere Beispiele, an denen sich meine Doppelmoral festmachen lässt. Wie wäre es mit “Reservoir Dogs”?

    Ein versöhnliches Wort zum Ende: Bei dem von Dir genannten Handy-Video bzw. der Idee, das auf die eigene Website zu packen, würde mein moralischer Kompass vermutlich auch ausschlagen. Ich schalte den aber auch dann nicht aus, wenn ich über Filme rede.

  11. Ach Probek,

    ich habe Gesichter des Todes an keiner Stelle gelobt, ich habe ihn lediglich nüchtern betrachtet. Ich kann es schließlich, da ich den Film gesehen habe. Und da wären wir bei dem Grundproblem unserer Diskussion. Deine Meinung über die zu diskutierenden Filme beschränkt sich auf Dein Wissen der Meinung anderer. Du redest über einen Film, der in Deiner Phantasie existiert, ich rede über den tatsächlichen Film. Bildhaft formuliert, Du empörst Dich über eine wurmstichige Birne, während ich über einen Apfel mit Druckstellen rede. Das kann nichts werden.

    Auf Deine Polemik möchte ich gar nicht weiter eingehen. Nur vielleicht auf Deinen Seitenhieb in Bezug auf Black Hawk Down. Ich habe mich keineswegs anti-amerikanisch geäußert, ich habe mich lediglich gefragt warum Du an Menschen, die diesen Film sehen, nicht die gleichen moralischen Ansprüche stellst. Ich werfe Dir jedoch nicht vor, nur weil Du den Film als gelungen bezeichnest, ein kriegslüsternder Alles Seher zu sein, der sich auch noch durch den Tod von über 1000 Menschen unterhalten fühlt. Das wäre ebenso undifferenziert, wie Dein Kommentar beim cleriker in Bezug auf Gesichter des Todes.

    Ich habe auch nirgends von Dir verlangt, daß Du Dir jeden Film anschauen mußt. Wenn Du Probleme damit hast gewisse Filme anzuschauen ist das doch o.k.. Nur ist es eine Tatsache, daß Dein Bild über diese Filme oder diesen Teil des Kinos dann auch nicht vollständig sein kann. Es ist dann ein bruchstückhaftes Mosaik aus Erzählungen und Meinungen anderer. Gewürzt mit einer großzügigen Prise Mythos. Wenn Du aber mit diesem unvollständigen Bild über den Film, den Du selbst nicht gesehen hast, herziehst, seine zum Diskurs stehenden Elemente moralisch in Frage stellst, über seine Zuschauer urteilst, dann machst Du eigentlich das worauf der Verleih und die Produktion spekuliert haben. Du machst ihn interessanter als er wahrscheinlich ist. Du machst Werbung für den Film. Und genau das möchtest Du doch nicht, oder?

  12. Was passiert denn, wenn ich mir die die Filme ansehen und danach zum selben Urteil komme – sind dann meine Argumente plötzlich mehr wert? Warum nicht über etwas diskutieren, wenn detaillierteste Beschreibungen der dargestellten Inhalte vorliegen?

    Und Du hast “Gesichter des Todes” nicht gelobt, wenn Du ihn als “pietätvoll” für seinen Umgang mit dem Thema “Tod” beschreibst, ich dagegen mache Werbung für ihn, wenn ich über die Verkaufs-Mechanismen des Exploitations-Kinos rede? Das aus meinen Zeilen hervorzulesen, bedarf dann aber auch ebenfalls einiger Polemik.

  13. Noch etwas zur Ergänzung, bevor wir beide erschöpft und rechthaberisch von der Matte wanken: Mein pervers polemischer Kommentar (“Du bist dann sicherlich auch einer dieser Perversen Allesseher, die “Gesichter des Todes” unterhaltsam fanden.”) sollte ja eigentlich so aussehen (das habe ich aber auch schon geschrieben):

    Du bist dann sicherlich auch einer dieser Perversen Allesseher, die “Gesichter des Todes” unterhaltsam fanden.

    Und ich finde es schon interessant, über die Gründe zu spekulieren, warum man solche Filme bzw. die darin dargestellten Szenen sehen möchte. Das sind – wieder nach meinem bescheidenen Vorurteil – die gleichen Gründe, die Menschen dazu bringt, sich Hinrichtungen anzusehen.

  14. Es geht doch nicht um Recht haben. Ich respektiere doch, daß Du es moralisch bedenklich findest, sich solche Filme anzuschauen. Geschenkt. Aber genauso erwarte ich, daß Du andere Sichtweisen respektierst. Und meine ist es halt, daß ich über einen Film nicht mit letzter Konsequenz urteilen kann, den ich nicht selbst gesehen habe. Da können Berichte noch so detailliert sein.

    Wenn Du meinst, ich mache für Faces Werbung, weil ich feststellen mußte, daß er gar nicht so reißerisch daherkommt, wie oftmals berichtet und es der Mythos hergibt. O.K., daß kann man vielleicht so sehen. Ich kann mir aber auch vorstellen, daß mir der Chef eines der vielen Labels, die ihn geschnitten oder ungeschnitten vertreiben am liebsten den Hals umdrehen könnte, während er Dir die Füße küssen würde. Der Film ist nämlich vor allem unsäglich schlecht. Nichts anderes als eine Aneinanderreihung von gestellten Szenen und ein wenig Stock Footage aus Schlachthäusern, Stuntunfällen oder anderen Unglücksfällen. Es gibt wohl auch noch eine ungekürzte Version, die Stock Footage aus dem zweiten Weltkrieg und deutschen Konzentraitonslagern enthält. Was die ganze Angelegenheit wohl auch nicht interessanter macht. Eigentlich ein Film der nicht weiter beachtenswert wäre. Durch die moralische Diskussion, die Verbote und halt die mündliche oder schriftliche Weitergabe seines Inhalts, ist aus ihm jedoch eine Ikone der Exploitation geworden, hat er eine Stellung in der gesellschaftlichen Diskussion eingenommen, die seinem Inhalt nicht ansatzweise gerecht wird. Er wird als etwas Besonderes dargestellt. Das Verbotene und unmoralische übt wohl auch hier den größten Reiz aus, diesen Film zu sehen.

    Ob dies die gleichen Gründe sind, warum sich Menschen Hinrichtungen anschauen kann ich nicht wirklich abschätzen. Wirklich öffentliche Hinrichtungen gibt es zumindest in der westlichen Welt nicht mehr, sofern ich mich nicht irre. In den USA nehmen die Zuschauer ja eher die Rolle des Zeugen ein und sind handverlesen. Ich könnte mir jedenfalls nicht vorstellen einer Hinrichtung beizuwohnen, zumal ich die Todesstrafe für ein stumpfes, alt-testamentarisches, verachtenswertes Instrument der Strafverfolgung halte. Ich denke jedoch, daß die zusammengezählt fast 7.000.000 Views der Videoclips Saddam Husseins Hinrichtung auf youtube zu einem großen Teil auch dem Reiz des Verbotenen und der Neugier der Menschen geschuldet sind. Ein beträchtlicher Teil wahrscheinlich auch aus Rachegelüsten hervorgegangen sind. (Ich frage mich gerade ob GoogleAds einen passenden Rahmen für ein Hinrichtungsvideo geben und warum youtube nach 10 Monaten die Videos immer noch nicht von den Servern genommen hat. Wahrscheinlich, weil sich noch kein Rechteinhaber gemeldet hat.) Ob Youtube dieser Click-Erfolg vergönnt wäre, wenn nicht die Medien darüber berichtet hätten, ich mag es zumindest bezweifeln. Ich muß aber zugestehen, daß das Anschauen eines verwackelten, unscharfen mit der Handycam aufgenommenem Hinrichtungsvideo sicherlich eine andere Wirkung bei den Betrachtern hinterläßt, als das tatsächliche Beiwohnen einer Hinrichtung.

    Wobei wir wieder beim Thema Gewalt im Film wären. Sie ist ja dort erst einmal fictional. Der Betrachter weiß, daß die Schauspieler nach dem Dreh zusammen eine Tasse Kaffee trinken, daß dort gerade nicht wirklich eine Frau vergewaltigt wird. Ich muß aber zugeben, daß mir im Falle von Irreversible fast die Halsschlagader vor Zorn platzte, ich hatte Wut auf den unbekannten Angreifer und auch Wut auf Gaspar Noe, der mich mit dieser Szene über die Maße quälte. Zumindest emotional ist Noes Plan mich zu schocken aufgegangen. Genauso wie Alexandre Aja mit seiner Interpretation von Wes Cravens Hügel der blutigen Augen. Auch hier gibt es eine ziemlich heftige Vergewaltigung vom Zuschauer zu ertragen, zum Glück nicht annähernd so ausufernd inszeniert wie bei Noe, dennoch habe ich für jeden Verständnis, wenn er den Ort der Vorführung kurz oder ganz verläßt. Denn auch diese Szene ist nur schwer erträglich.

    Warum sich Menschen so etwas antun? Ich glaube daß hier niedere Instinkte eine untergeordnete Rolle spielen. Eher nimmt der Exploitation, Horror, Splatter oder auch Rape’n Revenge Film eine Funktion ähnlich eines Alptraums ein. Das amerikanische Kino wurde Ende der 60er und in den 70ern im gleichem Maße zunehmend härter, wie die Berichte und Bilder aus Vietnam schlechter wurden. Gleiches ist nach dem 11/9 zu beobachten. Titel wie Bays TCM, Ajas The Hills have Eyes oder die SAW Reihe, allesamt kann man als Mainstream bezeichnen, hätten in den 90ern oder auch schon in den 80ern keine echte Chance auf Verwirklichung, geschweige denn Vermarktung gehabt.

    Sorry, ist schon wieder länger geworden als geplant.

  15. Warum sorry? Die Länge ist kein Problem, wir sind ja an dem Punkt angelangt, den ich am interessantesten finde: warum man sich sowas anschauen will, welcher Mechanismus, welche Haltung dahinter steckt. Der Mythos und der Reiz der Verbotenen machen dabei vermutlich den Großteil des Erfolgs von “Gesichter des Todes” (und Konsorten) aus. Die Legenden, die sich um solche Filme ranken, ergeben dann eine Erwartungshaltung, die das eigentliche Ansehen der Filme wohl oft zu einer mehr oder minder großen Enttäuschung werden lassen (und heraus kommen dann solche Bewertungen, die diese Enttäuschung dann – je nach intellektueller Fallhöhe – manchmal auch thematisieren).

    (Daneben gibt es halt die Rezensionen, wo mir einfach nur schlecht wird und ich gar nicht derjenige sein möchte, der einen solchen Film auch gesehen hat. Besonders eindrucksvoll finde ich ja auch die Reaktion einiger Zuschauer von “Ich spuck auf dein Grab”, die z.B. Ebert beschrieben hat.)

    Aber ich schweife ab bzw. wiederhole mich, zurück zur Frage, warum manche das sehen wollen. Ich glaube schon, dass Voyeurismus der Antrieb ist. Ich glaube, der Mechanismus ist derselbe und uralt, egal ob man bei einem schweren Autounfall hinguckt, ob da nicht irgendwo ein Verletzter oder gar ein Toter liegt (und deswegen auf der Gegenfahrbahn abbremst), ob man “Gesichter des Todes” anschaut oder die Hinrichtung von Saddam Hussein auf Youtube anklickt. Letztlich sind das für mich alles mehr oder minder große Ausprägungen desselben archaischen Triebs: man kann halt schwer weggucken, wenn anderen Leid zugefügt wird. Und da kann es auch “künstliches” Leid sein, die Reaktionen bei Ansicht des Films von Noe oder auch beim Ansehen effektiver Horror-Filme unterscheiden sich auf körperlicher Ebene (gestiegener Blutdruck, erhöhter Adrenalinpegel usw.) vermutlich nicht von den Reaktionen, die bei echten Unfällen oder ähnlichen Streßsituationen im wirklichen Leben vorkommen. Im Unterschied zum Miterleben solcher Streßsituationen im echten Leben kann man bei Ansehen eines Films aber einfach abschalten bzw. am Ende herausgehen und sich sicher sein, dass man zu den Überlebenden gehört. Und das kann man sich, wenn’s zu hart wird, zur Not auch jederzeit während des Films bewusst machen. Es ist das befriedigende Gefühl, eben nicht zu denen zu gehören, die da gerade gequält/vergewaltigt/getötet oder sonstwie misshandelt wurden. Genau so, als wäre man gerade aus einem Alptraum aufgewacht.

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