Wechselfehler

Ecke Bolton

Foto: Ecke Bolton

“Die Zuschauer haben das Recht auf die beste Mannschaft. Fußball ist keine Mathematik, die man berechnen kann” (…) “Ich bin stocksauer. Es wäre ganz einfach gewesen, zu gewinnen und weiterzukommen.” [Quelle]

Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, unmittelbar nach dem gestrigen 2:2 gegen die Bolton Wanderers. Recht hat er, das war nach den unverständlichen Auswechslungen Hitzfelds ein verschenkter Sieg gegen biedere Engländer, die dann auch brav das Unentschieden in München als “eines der größten Resultate ihrer Geschichte” (sic!) feiern.

Schon die Aufstellung mit den bisherigen Bankdrückern van Buyten, Ottl und Podolski hatte darauf hingedeutet, dass der Trainer das Spiel dazu nutzen wollte, der zweiten Reihe der Bayern-Spieler ein Chance zu geben. Das ging trotz wackeliger Abwehr bis zur 60. Minute noch einigermaßen gut, weil Wirbelwind Ribéry und ein endlich treffender Podolski nach dem 0:1-Rückstand ein 2:1 rausgeschossen hatten. Warum Hitzfeld dann aber bei einer nur sehr knappen Führung ausgerechnet die bis dahin wichtigsten Bayern-Spieler auswechselte, bleibt auch am Tag danach selbst nach den Erklärungsversuchen des Trainers (s.u.) unverständlich.

Erst nimmt Hitzfeld in der 57. Minute mit Podolski den Doppel-Torschützen und gefährlichsten Stürmer auf dem Platz raus – und drei Minuten später muss auch noch mit Ribéry das einzige Überraschungsmoment das Bayern-Spiel verlassen. Das Momentum war weg und es kam, wie es dann auch kommen kann: Bolton schoss kurz vor dem Ende noch das Ausgleichstor. Klarer Fall von dumm gelaufen, aber nach den Wechselfehlern nicht mehr wirklich überraschend. Zu den Wechselfehlern kann man übrigens auch gerne noch die Aufstellung Ottls (statt Zé Robertos) und van Buytens (statt Demichelis’) zählen, da die beiden in der bisherigen Saison klar im Schatten der letztgenannten standen und gestern wieder einmal bewiesen, dass das zu Recht so ist.

Das Unentschieden lässt sich in der UEFA-Cup-Zwischenrunde (hoffentlich) verschmerzen, besonders bitter ist das aber für Lukas Podolski, der sonst nach dem Spiel Match-Winner gewesen wäre und damit eines seiner in München bisher äußerst raren Erfolgserlebnisse gefeiert hätte. Besonders schön: Hitzfeld hat in der auf Eyep-tv.de abrufbaren Pressekonferenz am Tag nach dem Spiel die Auswechslung Podolskis damit begründet, dass er ihn quasi auswechseln musste. Denn er habe während des Spiels entdeckt, dass Lukas so toll spiele, dass er jetzt auch am Samstag spielen soll. Und am Samstag ebenfalls spielen ginge für einen Stürmer nur dann, wenn er am Donnerstag nicht durchspiele: die sehr frühe Auswechslung Podolskis war für Hitzfeld also eher als eine Art Belohnung für ein gutes Spiel gedacht. So kann man sich die eigenen taktischen Fehler natürlich auch schön reden.

Noch schöner finde ich aber die Suggestiv-Frage des Journalisten, der Hitzfeld zu der hier zitierten Antwort bringt. Der behauptet doch glatt, dass die Münchner Zuschauer im Gegensatz zu Rummenigges unverständlicher Wut “sehr happy und zufrieden” mit dem Spiel gewesen seien und das 2:2 verständnisvoll “als immer mal wieder vorkommenden Schicksalsschlag geschluckt hätten”. Ich konnte den Fragegsteller anhand der Stimme leider nicht identifizieren (vielleicht kann das ja ein Leser nachholen, mir kommt die Stimme zwar sehr bekannt vor, kann sie aber nicht zuordnen), letztlich ist es aber egal wer der Fragesteller ist, denn wie man zu einer solch eklatanten Fehlinterpretation der Zuschauerreaktion kommen kann, ist mir schleierhaft. Vielleicht hat der Reporter sein Fazit den Besuchern einer VIP-Loge entlockt, wie auch immer – bei mir im Block war jedenfalls keiner mit dem Ergebnis zufrieden.

3 Gedanken zu „Wechselfehler“

  1. Solltest Du Dich nicht lieber über die zu strikt geschnürten TV Verträge der DFL ärgern, als über die Aufstellung von Hitzfeld? Hätte Hitzfeld so aufgestellt und ausgewechselt, wenn Bayern ein drittes Sonntagsspiel gespielt hätte, anstatt direkt wieder am Samstag ranzumüssen?

  2. Kurze Antwort:
    Zweimal nein (das zweite nein ist eine Vermutung).

    Oder länger:
    Pacta sunt servanda. Da die Dinge sind, wie sie sind, beschwere ich mich hier über die Dinge, die man noch beeinflussen kann. Die TV-Verträge kann man diese Saison wohl kaum noch ändern, Auswechslungen dagegen schon. Und die Wechsel waren meiner Meinung nach auch unnötig, selbst wenn man Teile der Mannschaft schonen will. Hitzfeld hätte z.B. statt Podolski ohne weiteres den bis dahin glücklosen und uneffektiveren Klose austauschen können. Und Ribéry war selbst erstaunt über seine Auswechslung, müde war er jedenfalls nicht, ein Auswechseln Ottls oder Schweinsteigers hätte ich deutlich passender gefunden.

    Zugegeben: solange die Bayern in der Bundesliga und im UEFA Cup jeweils auf dem ersten Platz stehen, jammere ich hier auf hohem Niveau, wenn auch gerne. Aber erste Alarmsignale sind schon zu vernehmen, die Mannschaft ist beileibe noch nicht die Übermannschaft, die sie sein könnte. Und wenn zu Nachlässigkeiten in der Abwehr und einer Abschlussschwäche in den letzten Spielen dann auch noch taktische Fehler kommen, darf ich mich doch beschweren, oder? Dass Spielansetzungen für UEFA-Cup-Teilnehmer flexibler gestaltet werden sollten, fordere ich erst dann wieder, wenn Bayern erneut im UEFA Cup spielen muss.

  3. Es ist relativ einfach, das 2:2 des FC BAyern jetzt auf den Trainer zu schieben. Das scheint aber leider im Fußball allgemein üblich zu sein. Kaumf spielt eine Mannschaft schlecht, schon wird der Trainer dafür verantwortlich gemacht und in Zweifel gezogen.
    Aber erinner wir uns doch nur einmal zurück. warum Ottman Hitzfeld wieder reaktiviert wurde und warum wir alle mit seinem Vorgänger nicht mehr glücklich waren. Kaumf läuft es jetzt unter Hitzfeld einmal schlecht, schon wird er auch wieder kritisiert.
    Dabei sind die Bayern immer noch Spitze in der Bundesliga. Das ist schon ein sehr hohes Niveau um zu jammern. Auch daran, dass sie die Gruppenphase des UEFA-CUP “überstehen”, wird wohl kaum jemand zweifeln.
    Vielleicht sollte sich einfach die Mannschaft etwas mehr konzentrieren und sich nicht ein paar Minuten vor Schluß schon des Sieges zu sicher sein.
    Wichtig für den FC Bayern ist jetzt einfach nur, Ruhe zu bewahren und Ottmar Hitzfeld seinen Job machen zu lassen. Und der Vorstandsvorsitzende des FC Bayern sollte seine Meinung mal etwas öfter für sich behalten…

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