Klinsmanns neue Kleider*

Elf Spiele gab es bisher für den FC Bayern in dieser Saison. Zu wenige, um die Arbeit des neuen Trainers detailliert zu beurteilen. Hundert Tage Schonfrist sind für neue Amtsinhaber üblich, danach sollte man ein fundierteres Urteil abgeben können. Die 100 Tage Klinsmanns sind am 18. November 2008 vorbei, wie ich kürzlich schrieb.

Oder man rechnet anders. Ab Amtsantritt, zum Beispiel. Dann wären die hundert Tage am 9. Oktober 2008 vorbei. Da bis Donnerstag kein weiteres Bayernspiel anliegt, kann ich also genauso gut jetzt schon mal räsonieren.

Klinsmann hat im Verein eine Aufbruchstimmung erzeugt, er hat fast alles neu machen wollen – und auch neu gemacht (Trainingsteam, Trainingsmethoden und -umgebung, Taktik, Mannschaftsaufstellung, Rotation usw.). Was hat er bis jetzt mit einem (im Vergleich zur Vorsaison) praktisch identischen Kader erreicht?

Zwei überzeugende Spiele in der Bundesliga (gegen Berlin und Köln), zwei mittelprächtige (gegen Hamburg und Dortmund) und drei katastrophale Spiele (gegen Bremen, Hannover und Bochum). Ergibt für den FC Bayern in der Bundesliga den schlechtesten Saisonstart seit Menschengedenken und elf Gegentore in vier Heimspielen. Das nenne ich blamabel.

Im DFB-Pokal gab es einen glücklichen Sieg gegen einen Drittligisten und einen glanzloser Sieg gegen einen Zweitligisten. In der Champions League gab es zum Auftakt einen glücklichen Auswärtssieg und ein gerechtes Unentschieden im ersten Heimspiel. Das nenne ich durchwachsen.

Soweit die sportliche Bilanz der ersten hundert Tage von Jürgen Klinsmann. Die nenne ich beschissen.

Außerdem gibt es alles andere als eine eingespielte Mannschaft, merkwürdige Aufstellungen und Auswechslungen, die (unverständliche und sportlich fatale) Demontage des Mannschaftskapitäns, einen Auszubildenden im Tor, einen Auszubildenden auf der Trainerbank, eine katastrophale Abwehr, fehlende Kreativität im Mittelfeld, Stürmer, die nicht treffen und ein skeptisches, zum Teil offen negatives Umfeld.

Vielleicht sollte ich mit der ersten Bilanz doch bis zum 18. November warten.

*Nachträge — eine Blogschau
Was schreiben die anderen? Zechbauer bewahrt die Ruhe, Yalcin bekommt vor Ärger nicht mehr als vier Sätze zusammen, Paule bittet um Geduld und sieht eine Kampagne am Werk, Elmarinho findet alles nicht so schlimm, Surfguard ist schlecht, aus einem Entwicklungsland meldet sich Philipp und prophezeit ein Scheitern Klinsmanns — und der Bayerntrainer selbst hofft, dass “so etwas nicht mehr vorkommt“. Meine Lieblingserklärung des Schlamassels kommt aber von jackylourdes.

6 Gedanken zu „Klinsmanns neue Kleider*“

  1. Ich bin da nicht ganz deiner Meinung. Dies ist nicht nur die Bilanz des Jürgen Klinsmann, dies ist auch die Bilanz der Mannschaft. Für mich kristallisiert sich da einfach kein “Trainer-Problem” heraus.

  2. Das ist die Bilanz des Vereins unter Jürgen Klinsmann als Trainer. Klinsmann ist der (Haupt-)Verantwortliche für die sportliche Entwicklung, weiter verteilen kann man die Verantwortung ggf. auch noch auf diverse Assistenztrainer. Und auf den Manager bzw. die Vereinsführung, die den Kader zusammengestellt haben (der, wie gesagt, mit dem der letzten Saison nahezu identisch ist) und natürlich auf die Mannschaft selbst.

    Ansonsten können wir ja den 18. November — oder auch das Saisonende — abwarten, ob wir ein Problem mit der Mannschaft, mit dem Trainer, dem Kader oder der Vereinsführung haben und wer dafür verantwortlich gemacht werden kann und will. Ich hoffe, bis dahin nicht mehr viele Spiele ähnlich denen gegen Bremen, Hannover und Bochum erleben zu müssen.

  3. Noch was: können wir uns zumindest darauf einigen, dass es so nicht weiter gehen kann, wer auch immer Schuld sein mag? Und einen schönen, unaufgeregten Artikel zum Thema haste geschrieben (s.o. “Nachtrag”). Will mal hoffen, dass Ruhe bewahren uns weiter hilft.

  4. Letztlich hilft doch eine Entlassung von Klinsmann niemandem. Schon gar nicht dem Verein. Man wollte Neuerungen und die haben Mut erfordert – und das tut es noch. Man wollte modernen, erfolgreichen Fußball in der Zukunft, um auf Augenhöhe zu kommen, mit den Großen im internationalen Fußball. All das kann nicht – kann nicht! – innerhalb von wenigen Monaten greifen. Das wusste Klinsmann, das wusste die Vereinsführung, und das mussten doch auch wir Fans gewusst haben.

    Ehrlich gesagt, ich scheiß auf die deutsche Meisterschaft für diese Saison, wenn all die Mechanismen in Zukunft greifen. Wenn wir dafür im nächsten Jahr – also der neuen Saison – wieder eine echte Herausforderungen für die fünf, sechs großen Teams in Europa werden, ist mir das ein momentanes Straucheln wert. Und es ist mir auch wert, mal ein Jahr nicht Deutsche Meister zu werden.

    Wir sind uns einig, dass auch Klinsmann noch lernt und Fehler macht. Van Bommel oder Demichelis raus aus der Innenverteidigung halte ich für Fehler. Kroos nicht einzusetzen, halte ich für einen Fehler. Das alleine erklärt aber nicht die Leistung in Hannover, gegen Bremen oder auch zum Spielende gegen Bochum. Und selbst wenn es so wäre, wichtig ist doch eine Weiterentwicklung zu sehen. Und das erkenne ich frühestens zum Ende der Hinrunde – vielleicht auch erst in der Rückrunde. Leben wir damit, wenn es letztlich dem Ziel dient, dass auch der FCB irgendwann modernen, erfolgreichen, schönen aber vor allem international angepassten Fußball offenbaren kann.

    Mir ist das momentan alles zu aufgeregt, so als hätte niemand gewusst, auf was man sich einlässt. Der Schritt der Bayern war mutig, aber wenn man ihn nicht zu Ende geht, ist uns doch am Allerwenigsten damit geholfen. Scheiß auf die Presse und diverse Anti-Klinsmann-Kampagnen – ich glaube nicht an irgendwelche Verschörungstheorien – auch Klinsmann will den Erfolg mit Bayern. Auch Klinsmann will das Beste für den Klub. Ob wir das nun gewohnt sind Probleme mit Bochum, Hannover und Co. zu bekommen oder nicht, nur mit Geduld kann man solche neuen Wege beschreiten.

  5. Stimme zu. Eine Entlassung Klinsmanns steht hoffentlich nicht zur Debatte, nur: schon in dieser Saison sollten in der Liga einigermaßen die Ergebnisse stimmen. Denn auf eine weitere Meisterschaft kann auch ich gerne verzichten — auf die Qualifikation zur Champions League nicht. Das ist das Minimalziel, ein weiteres Jahr im Uefa-Cup wäre nun wirklich nicht das, was man trotz aller Neuorientierung als Erfolg ausgeben könnte. Da bräuchte es dann auch keine Kampagne von außen mehr, um den Trainerstuhl doch arg ins Wackeln zu bringen.

    Apropos von außen: man muss sich auch damit abfinden, dass man mit Klinsmann einen seit seiner Zeit als Spieler in München, spätestens als Trainer im Umgang mit Oliver Kahn einen in Großteilen der eigenen Anhängerschaft unbeliebten, zumindest aber umstrittenen Trainer verpflichtet hat. Der trotz eines beliebten Märchens nicht unbedingt als Erfolgstrainer nach München kam und dem leider auch kein Joachim Löw zur Seite steht.

  6. Vielleicht ist es jetzt auch ganz gut, dass Länderspielpause ist. Zwar hätte man gleich wieder die Gelegenheit zu einem guten Ergebnis gehabt, aber andererseits sieht das momentan noch nicht so sicher aus, dass das auch funktionieren könnte.

    Gab’s am Sonntag eigentlich Straftraining mit Waldlauf? Das war eine der unterhaltsameren Seiten von Magath…

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