Geiselhaften

Trauerflor, Schweigeminute, verkürzte Vorberichterstattung zu einem Uefa-Cup-Spiel: kann mir jemand mal erklären, warum der Fußball von dem Amoklauf in Winnenden so betroffen ist? Verstehe ich nicht (der Trainer auch nicht, aber das nur nebenbei). Das Ereignis in Winnenden und Umgebung ist ein brutales Verbrechen eines kranken Einzeltäters, schlimm genug. Ist aber damit irgendjemandem geholfen, wenn diesem Ereignis auch noch in allen möglichen und unmöglichen Bereichen der Gesellschaft Wichtigkeit zugemessen wird? Ist es nicht eher so, dass die Tat damit noch weiter erhöht wird, wenn man das Betroffenheitsniveau so hoch schraubt? Und wird damit für Nachahmungstäter eine ähnliche Tat nicht noch attraktiver, wenn man sieht, welche Dimensionen die Betroffenheit erreicht?

Und es ist ja nicht nur der Fußball, es ist ein Teil der im Fernsehen übertragenen Unterhaltung betroffen. Auch der Starkbieranstich und eine Sendung wie “Schmidt & Pocher” wurden abgesagt bzw. verschoben. Warum? Wäre es nicht sinn- und pietätvoller, auf Sendungen wie “Brisant” oder “Explosiv” zu verzichten?

Allein für München listet der Veranstaltungsführer der SZ heute 66 Veranstaltungen auf, die in den Bereich “Club & Party”, “Konzert”, “Kultur” und “Spaß haben” aufgeteilt sind. Wurden die auch alle abgesagt bzw. verschoben?

6 Gedanken zu „Geiselhaften“

  1. Betroffenheit ohne betroffen zu sein, Anteilnahme ohne Anteil und Teilnahme… diese Heuchelei ist in Mode.

    Ob es den Familien der Opfer hilft, wenn Leute rund um die Uhr von einem grausamen Verbrechen berichten, von dessen wahrer Grausamkeit sie null Ahnung haben (weil nicht betroffen), darf doch bezweifelt werden.

    Meine Meinung: Je mehr Aufmerksamkeit die Medien diesem Amoklauf widmen, desto größer die Wahrscheinlichkeit von Nachahmungstätern. Je mehr über den Täter berichtet wird, desto leichter könnte sich bei entsprechend gefährdeten Jugendlichen der Eindruck festigen, auf diesem Weg zu “15 Minuten Bekanntheit” zu kommen.

    Es reicht schon, dass Flitzer und Paul Potts bei Fussballspielen eine Bühne bekommen

  2. Ich habe überlegt, etwas ähnliches zu schreiben, aber dein Beitrag, Probek, bringt es komplett auf den Punkt. Ich kann diese Pseudo-Pietät auch hinten und vorne nicht verstehen. Man spielt dann ja auch ein paar Tage lang bestimmte Lieder nicht im Radio, und ähnliches. Das scheint ein Reflex zu sein, der sich mittlerweile eingeschliffen hat.

  3. Was sag ich? Heuchler. Eben bei Premiere: Schweigeminute in Wolfsburg, Premiere lässt es sich nicht nehmen, ein paar Euro ‘fünfzig mitzunehmen und spielt einen Bier-Werbespot ein. Prost!

  4. Ich muss sagen, du hast den Nagel perfekt auf den Kopf getroffen. Vor allem der Vergleich mit den Boulevardmagazinen entspricht leider auch der Wahrheit. Die betreiben die gleiche heuchlerische Doppelmoral wie die Printausgabe mit den vier großen Buchstaben.

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