Unvermeidlich – Ein Kommentar zur Entlassung Jürgen Klinsmanns

Die Idee, dass der FC Bayern reformbedürftig ist, damit er wieder zu einem europäischen Spitzenclub wird, ist nicht von der Hand zu weisen. Ob allerdings Klinsmann, sein Trainerstab und seine Methoden die dazu geeigneten Mittel zum Zweck waren, kann jetzt nicht mehr geklärt werden. Ich konnte jedenfalls in den 300 Tagen, in denen Jürgen Klinsmann den FC Bayern als Trainer offiziell anführte, nicht erkennen, dass er zu Recht mit dieser Aufgabe betreut wurde.

Ein Trainer, sein Trainerstab und sein wie auch immer geartetes Konzept sind gescheitert. Der FC Bayern wird aber sicherlich weiter bestehen, auch als Spitzenclub der Bundesliga. Bei dem Potenzial, dass der Verein nicht zuletzt auch wegen seiner immer noch herausragenden finanziellen Stellung hat, ist mir nicht bange, dass er irgendwann auch wieder zur europäischen Spitze gehören wird. Die Monate unter Klinsmann haben den FC Bayern vielleicht nicht näher an dieses Ziel gebracht, sollte aber mit Heynckes und Gerland noch die direkte Qualifikation zur Champions League erreicht werden, käme zumindest der Verein einigermaßen unbeschadet aus dieser Saison.

Was man aus der Zeit mit Klinsmann lernen konnte, ist aber, dass zu einer Reform auch der Wille gehört, diese mit dazu geeigneten Mitteln anzugehen. Mit dem derzeitigen Kader kann man sicherlich an der Spitze der Bundesliga mitmischen, um zur europäischen Spitze zu gehören, reicht es nicht. Diesen Vorwurf kann man nicht nur Klinsmann, sondern auch dem Vorstand und dem Manager machen. Dennoch gehört es auch zu den Aufgaben eines Trainers, einen Kader zusammen zu stellen oder zumindest zu fordern, der den vom Verein formulierten Ansprüchen auch im Europapokal gerecht wird. Da zuletzt aber nicht einmal die Leistungen in der Bundesliga stimmten, war eine Entlassung Klinsmanns nur die logische Konsequenz.

An einem Tag, an dem das offenbar unvermeindliche passiert ist, möchte ich aber auch festhalten, dass ich mir sicher bin, dass dieser Verein allen Gerüchten zum Trotz reformfähig ist. Allein die Verpflichtung Klinsmanns und der Mut der Vereinsführung, ihn mit dieser Aufgabe zu betreuen, zeigt das, so eindrucksvoll Klinsmann jetzt gescheitert ist. Gescheitert ist er aber nicht am Reformunwillen von Vereinsverantwortlichen und Bayernfans, sondern an den selbst gestellten Ansprüchen und der Tatsache, dass die Leistungen der Mannschaft unter seiner Regie auch zum Ende der Saison nicht einmal im Ansatz erkennbar besser wurden.

11 Gedanken zu „Unvermeidlich – Ein Kommentar zur Entlassung Jürgen Klinsmanns“

  1. Der Mut zur Reform ist mit der Verpflichtung von Heynckes meiner Meinung nach dahin.

    Europäische Spitze und FCB ist so wie der HSV und Meister in der Bundesliga: Das geht nur, wenn alle anderen nicht wollen :)

  2. Jupp Heynckes und Hermann Gerland machen den Job bis zum 23. Mai 2009, das sind 26 Tage. Das sagt genau gar nichts über die Reformwilligkeit des FCB aus.

    Auf der Pressekonferenz war die Rede davon, dass die Verpflichtung dieser beiden als Übergangslösung (und eben nicht die umgehende Verpflichtung eines weiteren Reformisten oder Reformdarstellers) eher noch Zeit dafür lässt, einigermaßen in Ruhe einen geeigneten Nachfolger für Klinsmann zu suchen. Das finde ich nachvollziehbar.

  3. Sagen wir es einmal so, Klinsmann wurde doch von Anfang an von Deutschlands Leitmedium mit dem vier großen Buchstaben keine wirkliche Chance zugesprochen. Jeder Pups als Katastrophe deklariert. Das wirkt auf Dauer auch im Unterbewußtsein der Angestellten an der Säbener Straße. Sein Abschied war für mich spätestens mit der Vertragsverlängerung van Bommels beschlossene Sache. Klinsmann wollte Donovan? Hat er natürlich auch nicht bekommen. Hoeneß hat in der letzten Sommerpause nicht einen seiner Wunschspieler verpflichten können, war in der Winterpause zu geizig Olic vom HSV zu lösen und damit für die dringend benötigte Sturmalternative zu sorgen. Ich weiß nicht ob wir das 1:0 über die Zeit gebracht hätten, wenn nicht nur Fronck und Toni zu bewachen gewesen wären. Aber sicher, um eine Entlassung kam man wohl nicht herum.

    Ich habe irgendwo gelesen Klinsmann hätte die Mannschaft belogen? Weißt Du wie das gemeint sein könnte?

  4. Also die “Bild” ist sicherlich nicht Schuld an der Entlassung Klinsmanns, das wäre mir dann doch eine zu billige Verschwörungstheorie. Gründe für seine Entlassung hat er in erster Linie schon selbst geliefert.

    Die Begleitmusik durch den Boulevard und die Presse gehört in München einfach zum Alltag (übrigens nicht nur durch Bild, sondern auch durch TZ, AZ und nicht zuletzt Sportbild, Merkur, SZ uswusf.). Wer sich davon zu sehr beeindrucken lässt, egal ob Trainer oder Spieler, ist hier fehl am Platz. Klinsmann und der Verein haben sich aber durch den Streit mit Reportern wie Hinko (Sportbild), Strasser (AZ) und dem Kreuz mit der Taz Nebenkriegsschauplätze aufgemacht, die ich mindestens unnötig und größtenteils lächerlich fand.

    Tja, was soll man zu den angeblichen Verplichtungswünschen und Kaderplänen Klinsmanns sagen? Donovan? Borowski? Kroos und Jansen ziehen lassen, Rensing auf die Bank und dafür Lehmann verpflichten? Keine Ahnung, der Kader ist, wie er ist. Zu dünn besetzt ist er wohl, ob das allein Schuld des Vorstands bzw. des Managements ist? Klinsmann hatte aber trotz Personalnot nicht mal Spieler aus der zweiten Mannschaft gebracht. Und falls sein absoluter Wunschsspieler wirklich die Obergranate Donovan gewesen sein sollte, ließe dass auch eher negative Rückschlüsse auf seine Eignung für einen Spitzenverein zu.

    Klinsmann hat die Mannschaft belogen? Vielleicht, als er sagte, ich mach den Job mindestens zwei Jahre? Tut mir leid, so verstehe ich nicht ganz, was damit gemeint sein könnte. Vielleicht geht es darum, dass er Spielern wie van Buyten oder Rensing versprochen haben soll, dass sie beim nächsten Spiel auf jeden Fall (wieder) auflaufen dürften – und die sich dann wunderten, wenn sie plötzlich doch nicht oder nicht mehr zur ersten Mannschaft gehörten. Klinsmann geht ja auch nicht unbedingt der Ruf voraus, immer ganz offen und ehrlich bei seinen Personalentscheidungen vorzugehen: frag nach bei Oliver Kahn.

  5. Denke auch, dass das Modell Klinsmann und das Modell Bayern München so nicht zusammenpassten und das was da bei raus kam wirklich unvermeidlich beendet werden musste. Dass man eher den Trainer raus wirft als sich und den gesamten Vorstand ist ja auch klar. Ich Zweifel allerdings wie manch andere an der Reformfähigkeit der Bayern. Wenn man sich die Aussagen von Rummenigge, Hoeneß oder diese Pannekopp Extra-Sportschau ansieht dann hab ich da schon fragen wie man sich denn da eine Reform vorstellt wenn man öffentlich ein derart verkrustetes Bild abgibt. Wie soll eine Reform mit einem Trainer von statten gehen, dessen arbeit nur auf den Rasen beschränkt ist, wie mit einem Vorstand der darüber entscheidet aber offenbar kaum Ahnung von der Materie hat und haben will? Naja, mal sehen was passiert…

  6. Weil ein Trainer in zentralen Pflichtaufgaben (Taktik, Einstellung, Motivation, Kaderplanung) versagt, ist fragwürdig, ob der Verein an sich reformationsfähig ist? Wenn der Preis einer Reform des FC Bayern ein Abstieg ins Niemandsland der Bundesliga wäre, lautet die Antwort vermutlich ja.

    Das war aber von vorneherein klar: der Trainer einer Spitzenmannschaft kann nicht erfolgreich sein, wenn der Spagat zwischen (sichtbaren) Reformen und Mindestanforderungen an den Job so auseinanderklafft wie bei Klinsmann. Nicht die Reform an sich ist gescheitert, gescheitert ist der Reformdarsteller.

    Eine Anmerkung noch. Ganz am Rande (und eher amüsant als wirklich wichtig) finde ich es jetzt auch interessant, dass einige Bayernhasser ob des Rauswurfs ihrer schwäbischen Gallionsfigur und Sommermärchen-Heilands (der außerhalb des Vereins beliebter war und ist als innerhalb) flugs die vorher zwangsweise gefressene Kreide ausspucken und jetzt wieder ungehemmt auf ihre Hassfiguren Hoeneß und Rummenigge einprügeln können und die beiden als die eigentlichen Versager des Experiments hinstellen. Das sehe ich ganz anders: Klinsmann hat eine große Chance bekommen. Er hat sie aber, aus welchen Gründen auch immer, nicht nutzen können.

  7. Also die “Bild” ist sicherlich nicht Schuld an der Entlassung Klinsmanns, das wäre mir dann doch eine zu billige Verschwörungstheorie.

    So hatte ich das auch gar nicht gemeint. Ich denke aber, wenn die Presse ersteinmal anfängt einen Trainer, den sie eh nicht für fähig hält, unter Sonderbeobachtung zu stellen, dann ist das Kind eh schon in den Brunnen gefallen. Die Atmosphäre wirkt sich psychologisch dann eben doch auf die Atmosphäre im Verein, Umfeld etc. aus. Da kann man ruhig ein dickes Fell haben. Steter Tropfen höhlt den Stein. Ich kenne nicht einen Fall an dessen Ende nicht doch die Entlassung des Trainers stand. Und Klinsmanns Fähigkeiten wurden schon seit seiner Vertragsunterschrift angezweifelt. Egal, ich bin auch heute noch davon überzeugt, daß Klinsmann von Anfang an kein echter Wunschkandidat der Münchener Vereinsführung war, sondern eher der namhafte Notnagel.
    Und jetzt sind alle erleichtert, daß er endlich weg ist. Mir ist es ehrlich gesagt schnuppe. Vielleicht habt ihr ja bis zum Saisonende mit Heynkes Glück. In Gladbach ist er ja auch mit 4 Siegen gestartet, bevor er damit weiter machte, womit er bei uns aufhörte. Zwölf Punkte sind für München also drinn.^^

  8. Dieses Schwarz-Weiß macht es etwas schwierig.
    Wo steht denn der Verein sei nicht Reformfähig weil Klinsmann scheiße gebaut hat? Sagt doch hier niemand.
    Der Verein ist aus meiner Sicht nicht Reformfähig weil man offenbar in diesem festen “Trainer trainert, rest macht der Vorstand” Bild fährt was denke ich nicht mehr zeitgemäß ist und Reformen die vom Trainer aus gehen sollen (und das sollten sie ja bei JK) aber mehr als “aufm Platz” betreffen doch etwas hinderlich sind. Weil man die Notwendigkeit moderner Trainingsformen zumindest nicht so würdigt wie es andere tun, weil man zumindest ein paar Diven im Kader hat, denen wohl das persönliche Ziel wichtiger ist als dass des Vereins oder dem sogar entgegen steht.
    Letzlich muss man zum einen Sagen das Klinsmann nicht das halten konnte was er versprach, anders herum aber möglicherweise die Klinsmann Theorie und die Vorstands-Theorie einfach inkompatibel waren. Eigentlich sind da zu viele Fragezeichen. Beispiel Kaderplanung: Hat Klinsmann den Fehler gemacht weil er sagte der Kader sei in Ordnung oder hat der Vorstand nen Fehler gemacht weil er nicht mehr in den Kader investiert hat?
    Einfach zu sagen es sei alles Klinsmanns Schuld weil er die Chance nicht genutzt hat ist genau so einfach wie die Schuld allein beim Vorstand zu suchen.

  9. @Tobi: Ich glaube nicht, dass Bayern zu wenig in den kader investiert hat! Es ist nachwievor der teuerste und (beste) der Liga. Ich glaube eher dass der Funke von Klinsmann nicht aufs Team übergesprungen ist. Zur WM mag das gehen, wenn man in kurzer Zeit motvieren muss, aber das über ein paar Monate aufrecht halten, ist eben schwer!

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