Filmfest München 2012 — Meine Filme

Kurzkritiken der 20 Filme, die ich auf dem 30. Filmfest München gesehen habe (★-Bewertungssystem).

The Ambassador (2011) ★★ – Der sehr weiße* Journalist Mads Brügger wallrafft als Diplomat im korruptionsgeplagten (Zentral-)Afrika und führt Einwohner vor. Viel Aufwand für sehr wenig Ertrag und noch weniger neue Erkenntnisse.
| *er bezeichnet sich selbst, als Weißer unter lauter Farbigen, als “pigmentically challenged”

4:44 Last Day on Earth (2011) ★ – Pseudo-philosophisches Gebrabbel und Sex am Doomsday = 85 Minuten verschenkte Lebenszeit. Furchtbar.

Shut Up and Play the Hits (2012) ★★★★ – Das Abschiedskonzert von LCD Soundsystem im Madison Square Garden, eindrucksvollst verfilmt und schön verschnitten mit James Murphys Ansichten zum Leben, dem Universum sowie dem ganzen Rest. Das Motto der Show: “Wenn es schon ein Begräbnis geben muss, lass es das beste sein, dass wir je erleben”, wird voll und ganz erfüllt.

Paradise Lost 3: Purgatory (2011) ★★★★ – Nach 18 Jahren (und drei Dokumentarfilmen zum Thema) werden drei Jugendliche aus den Fängen der US-Justiz befreit, einer davon aus der Todeszelle. Mehr kann Film nicht erreichen.

Drive (2011) ★★★★ – Angeblich nicht von Walter Hills DRIVER (1978) inspiriert, aber sehr, sehr ähnlich und ebenso gut. Wortkarge, harte Action, zuweilen brutal, dann wieder sehr zurückgenommen und fast poetisch. Ein Film, der unvermittelt mehrere Gänge auf einmal vor- oder zürückschaltet. Dazu noch wunderbar fotografiert und bis in die Nebenrollen exzellent gespielt.

Alois Nebel (2011) ★★★ – Verfilmung einer tschechischen Graphic Novel, animiert im (Rotoskopie-)Stil von WALTZ WITH BASHIR. Nicht so abgründig wie der Film von Ari Folman, aber dennoch sehr sehenswert.

Ha-shoter (2011) ★★★ – Eine israelische Spezialeinheit macht kurzen Prozess mit israelischen Terroristen — und wie es dazu kam. Sehenswert.

Unplugged: Leben Guaia Guaia (2012) ★★★ – Mitreißende Doku über zwei junge Straßenmusiker mit alternativem Lebensentwurf.

Das Schwein von Gaza (2011) ★★ – Innerhalb der ersten Minute des Films scheißt eine Möwe dem Protagonisten auf den Kopf, auf ähnlichem Niveau geht es bis zum Ende weiter. Botschaftskino, das seine simple Story mit simpelsten Mitteln umsetzt. Merke: der gute Zweck heiligt nicht jeden dummen Scherz.

L’ordre et la morale (2011) ★★★★ – Ein Mitglied einer französischen Polizei-Spezialeinheit will eine Geiselnahme in Neukaledonien auf seine Art lösen und gerät damit in Konflikt mit Militär und Politik. Nach einer wahren Geschichte, für mich der beste Film des Filmfestes. Großes Kino.

Resistance (2011) ★★ – Kammerspiel, das eine spannende alternative Realität (Deutsche besetzen im Zweiten Weltkrieg ein englisches Dorf) auf unspannende, eher zähe Weise umsetzt. Schade.

Your Sister’s Sister (2011) ★★★★ – Wunderbare romantische Kömödie, wunderbar gespielt, mit wunderbarem Ende.

Wagner’s Dream (2012) ★★★ – Doku über die Neu-Inszenierung des Ring-Zyklus an der New Yorker Metropolitan Opera durch Robert Lepage. Der Star des Films ist das Bühnenbild, ein paar Blicke mehr auf die Menschen hinter dieser Kulisse hätten nicht geschadet.

Strutter (2012) ★★★ – Billigst produzierter, kleiner Independent-Film, dem man sein Budget* aber kaum anmerkt. Anfangs gewöhnungsbedürftig, später charmant chargierende Darsteller, dazu gibt’s herausragende Musik und tolle Bilder. Eine Entdeckung.
| *22.000 US-Dollar

Killer Joe (2011) ★ – Nicht mein Fall. (Hätte das nach dem ebenfalls nicht sehenswerten Friedkin-Vorgänger BUG aber ahnen können; mein Fehler)

Robot and Frank (2012) ★★★ – In der nahen Zukunft helfen Roboter dementen Patienten in ihrem alten Beruf zu arbeiten, in diesem Fall einem Einbrecher. Ordentlich besetzter, unterhaltsamer, aber eher kleiner Herzwärmer-Film mit meist dezent servierter sozialkritischer Botschaft.

The Cinema and its Double – Rainer Werner Fassbinder’s ‘Despair’ Revisited (2011) ★★★ – Doku über die Produktion von Fassbinders DESPAIR. Hochinteressant.

Working Girl (1988) ★★★ – Mit kindlicher Stimme und unbändigem Ehrgeiz schafft es eine Sekretärin auf eine Führungsposition mit eigener Sekretärin, macht eine schlechtere Frau auf Führungsposition arbeitslos und spannt nebenbei dieser Frau den Mann in Führungsposition aus, der dann ihren eigenen, schlechterern Mann ohne Führungsposition und mit weniger Klasse ersetzt.

Rampart (2011) ★ – In der ersten Szene wird klar, dass der Protagonist ein Arschloch ist. Leider läuft der Film dann noch über 100 Minuten ohne größere Persönlichkeitsentwicklung weiter, inklusive einer Drogen-Sequenz, bei der der Film plötzlich die Bildsprache ändert und ein Kunstfilm sein möchte. BAD LIEUTENANT für Arme, professionell in Szene gesetzt, aber die gute Kamera allein kann einen Film ohne Spannungsbogen auch nicht retten. Uninteressant.

Safety Not Guaranteed (2012) ★★★★ – Die nicht einfache Suche nach Begleitern für eine Zeitreise. Sehr unterhaltsame Außenseiter-Komödie mit erstaunlicher Tiefe.